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Lagebericht
aus Tangalle, Das Wasser
aus den Government-Pipes läuft wieder, die Elektrizität reicht
hin und wieder nicht aus, um diesen Bericht per Email oder sonstige
Computer gestützte Systeme zu schicken. Daher per Hand und per
Fax. Seit ca. 3 Wochen ist die Hauptstrasse entlang der Küste von Colombo in den Süden Sri Lankas wieder befahrbar. Es regnet nicht mehr so viel, die Sonne scheint wieder, die Seebrise bläst. Das Wetter im Januar 2005 hat sich seit dem 26.12.2004 geändert. Die See ist ungewöhnlich hoch und viel zu rau für diese Jahreszeit. Auf den
kleineren, meist ungeteerten Nebenstrecken kommt man inzwischen wieder
an die entlegeneren Küstenabschnitte zwischen Dondra Head, dem
südlichsten Punkt von Sri Lanka, und Hambantota, dem grauenhaftesten
Anblick von Tod und Zerstörung hier im Süden von Sri Lanka
nach der „Ti-sumani Wave“ - wie die Englisch sprechenden
Lehrer den Englisch lernenden Schülern, die kein scharfes s, z
oder schon gar nicht Ts auszusprechen in der Lage sind, beizubringen
versuchen. Denn kein Ceylonese, weder buddistischer Sringhalese, Hindu-Tamile, noch Muslim oder Christ, weder Städter noch Bauer, Beamter oder Fischer, Lehrer oder Schüler kannte vor dem 26.12.2004 das Wort, die Bezeichnung noch die Bedeutung von der „Hafenwelle“. Jetzt ist es in aller Munde - und wird Sri Lanka verändern. Zu mindestens für eine Weile. Tsunami ist täglich in den Medien: keine Zeitung, kein Fernsehen ohne Tsunami-Berichte. Tsunami auch aus den Mündern der Ärmsten der Armen ( schon vor der Welle-Armen) - meistens betroffene Fischer, Frauen und Kinder, die ausschließlich ihr Leben retten konnten, sonst nichts. Die in Rufugee-Camps (anfangs in Schulen, vom 24.12.2004 bis 10.01.2005 waren zum Glück Schulferien! - oder Tempelanlagen, jetzt mehr und mehr in Zeltlagern oder bei Verwandten ) untergebracht wurden und ohne große Perspektiven vor sich hin leben. In Hambantota
sind Tausende - meist Moslems - von der Welle auf dem wöchentlichen
Sunday-Fair (Markt) überrascht und chancenlos in die dahinterliegenden
Lagunen gespült worden. Noch heute werden dort Leichen oder Leichenteile
gefunden und geborgen. Ein ganzes Stadtviertel - mehr als die Hälfte Hambantotas (ca. 1 km lang und mehrere hundert Meter breit), die Stadt mit der größten Muslimpopulation in Sri Lanka - ist verschwunden, ausradiert in Sekunden. Fischereianlagen, wie Mole, Markthalle, Boots- und Catamaranstrände, sind schwerst beschädigt bis total „platt“ gewälzt. Noch heute, 3 Wochen nach der Katastrophe und nach den abgeschlossenen Aufräumarbeiten stockt einem bei Anblick dieser „Wüste“ der Atem, das Auge will nicht glauben, was es sieht. Mein Hirn
lässt seit diesen Tagen - auch andere Teile der Küste , Pannadura,
Beruwela, Ambolangoda, Hikkaduwa!!, Galle!, Dickwella, Nilwella, Kudawella,
Tangalle etc. , sind ähnlich verwüstet - nichts anderes zu
als sich ständig vorzustellen, was sich hier entlang der Küste
am 26.12.2004 kurz nach 9.00 Uhr morgens abgespielt haben muss. Nur Tiere, auch Haustiere, allenfalls angebundene oder gekettete, sind weder verletzt noch umgekommen. Sie haben aufmerksamer auf das reagiert, was sie beim Herannahen der Monsterwelle (hier Killing Tidal Wave genannt) gespürt haben und sind geflohen. Auch sämtliche Wildtiere im nahe gelegenen Küsten-Wildlife-Park Yala sind rechtzeitig auf und davon! Nur die
Menschen, ob Einheimische oder Ausländer, haben die Vorzeichen
nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern sie sind teilweise der
tödlichen Welle entgegen gelaufen, in dem sie die sich weitenden
Strände durch die zurück weichende See neugierig erwanderten. Seit 3 Wochen verteilen wir - meine Dame, einige unserer Ressort-Angestellten, Fahrer und Übersetzer, lokale Koordinatoren und ich - vor Ort Hilfsgüter einer privaten deutsch/srilankan Relief-Tsunami-Aidorganisation (mit Transporthilfe von LTU und einigen Flugkapitänen) persönlich an Direktbetroffene in der Küstenregion und im küstennahen Inland, wo Überlebende von Familienangehörigen aufgenommen wurden. Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier untereinander ist riesig. Sie geben, was sie können. Allerdings klauen sie auch, was sie können - aus den verwüsteten Häusern und Hotelanlagen, selbst aus den zerbeulten und weggeschwemmten Autos und auf Fels und Strand „angelandeten“ Fischtrawlern.
Wasser (auch Trinkwasser), Nahrung, Kleidung, medizinische Grundversorgung ist durch private Nachbarschaftshilfe, private Sammlungen und Footbags (Essen in Beuteln und Tüten) von Einheimischen und Ausländern sind inzwischen in den meisten Fällen sichergestellt. Ausländische und einheimische Nogs, seit kurzem auch größere Aid-Organisationen (wie Unicef etc.) und Sri Lanka Behörden, sind an den Hilfs-Zentral-Stätten eingetroffen. Wer aber
nicht das „Glück“ hat, dort in der Nähe zu „wohnen“
muss selber zusehen, wie er/sie zurecht kommt. Und das sind Hunderte
allein zwischen Dickwella und Ambalantota, der Küstenabschnitt
von ca. 30-40 km, den wir „beackern“. Die I.
Phase der Direkthilfe (Wasser, Nahrung, Kleidung, Medikamente etc.)
ist bis auf wenige Ausnahmen mehr oder weniger abgeschlossen. Der II.
Teil (Planung und Durchführung von Wiederaufbau, Hilfe zur Selbsthilfe
- wie Küchengeräte ( Teller, Töpfe, Pfannen, Bestecke,
Becher, Gaskocher, Gasflaschen), Hausutensilien( Matten, Betten, Matratzen,
Möbel), Schulzubehör ( Hefte, Stifte, Bücher, Bänke,
Tische, Schuluniformen, Schuhe, Lehrmaterialien), Arbeitsplätze
( z.B. für Bau von Katamaranen und Fischerboote) und intensivere
medizinische Betreuung läuft an. In Tangalle haben die Russen eine gigantische mobile Zelt-Klinik mit Operationssaal etc. auf dem hiesigen „Play-Ground“ gesetzt, dort wo vor dem Tsunami Markt, Sport, politische und ähnliche Großkundgebungen (Wahl! . der jetzige Premierminister Mahinda Rajapaksa ist aus Tangalle und wohnt keine 100 Meter entfernt!), Open-Air-Popkonzerte etc. stattgefunden haben. In Hambantota entsteht mitten in der von Bulldozern „geplätteten“ Ziegel und Ziegelsteine rötlich gefärbten „Wüste“ neben einer nur leicht beschädigten Moschee ein riesiges Zeltdorf (u.a.Unicef) Trinkwassertankwagen der Armee, der Navy, der Polizei und anderen Governmenteinheiten sind täglich auf den Straßen unterwegs und füllen sämtliche Behältnisse, die am Straßenrand bereit gestellt werden, auf. Kleinlaster mit Essen versorgen unregelmäßig die Bevölkerung nahe den Straßen und befahrbaren Wegen. Trümmer,
Schutt, Bäume (es sterben sämtliche Laubbäume - auch
jahrhundert Jahre alte, von den Portugiesen, Holländern und Engländern
gepflanzte), die mit Meerwasser in „Berührung“ gekommen
sind, Schiffwracks etc. sind beseitigt, Leichen beerdigt oder in die
jeweiligen Länder geschickt (Ausnahmen wie Rebecca - die kürzlich
aus der Lagune hinter Medilla/Tangalle gezogen wurde) - aber was geschieht
mit den Hunderten Tsunami-Geschädigten die in und auf den Resten
ihrer Häuser oder Hütten verweilen ? In den „Chefetagen“ der Nogs (z.B. Navajeevana), Kommunalbehörden (z.B. Disaster-Management), Chamber of Commerce, Coast Contervation Devision, Tourist Board, Fisheries Dep., Urban und Pural Dev., Parlament, political parties etc. wird jetzt viel geredet, geplant, gestritten, verworfen. Kein Masterplan weit und breit. Chaos wohin man kommt und Inkompetenz bei allen Offiziellen, die man trifft. Streit und Gerangel um Kompetenzen und Gelder. Die ausländischen Gelder für Tsunami-Geschädigte liegen - scheint´s - massenhaft bereit. Nur wie, wann und an wen scheint die Frage der Stunden, denn bis zur Entscheidung- und Durchführungsklärung (Logistik!!) braucht es hier seine Zeit - srilankan Zeit !
Die III.
Phase der Wiederherstellung und Verlegung von ganzen Häusern-Units
und Dörfern vom Ozean ins Inland, der Wiederaufbau von Klein-,
Mittel- und Großindustrie und Ökonomie liegt eh sehr schwer
in Regierungshand. Und Regierungs- und ihnen verpflichtete Hände
sind groß. Sie ähneln eher Fischhäuten oder Netze, in
denen in den Vortsunami-Zeiten allzu viel hängen blieb. Herzlichst von Sri Lanka M. M.
Einen Vollmond ( Poya-Day ) später - nach der neuen Zeitrechnung : Sri Lanka schein tief durchzuatmen und gedenkt seiner über 31.000 Toten, seiner immer noch nicht gezählten Verwundeten in den Hospitälern, seiner weit über 100.000 Obdachlosen. Der 26.12.2004 war auch ein Poya-Day, dazu 1. Weihnachtstag (hier Boxing Day), ein „anspiciousday“, an dem viele junge Ceylonesen heiraten - da von Wahrsagern ihnen wegen besonders günstiger Konstellation vorausgesagt und empfohlen - als die erste Tsunami-Welle kurz nach 9.00 morgens den „coastal belt“ Sri Lankas traf und die weit fürchterliche 2. Welle 20 - 45 Minuten später folgte. Der 26.12.2004
ist für die Insel - und für ganz Süd-Ost-Asien - das,
was der 11.09.2001 für die USA und die westliche Welt bedeutet
- ein tiefer Einschnitt ihrer bis dahin plätschernden „Normalität“. Die Wellen, die ja keine - auch wenn noch so hoch - normalen Wellen waren, sondern die unvorstellbare Kraft und den gewaltigen Schub von einem großen Teil des gesamten Ozeans darstellten, haben die Ost-, West- und Südküste dort, wo sie flach war, Lagunen und/oder Flussmündungen hatte, teilweise über einen Kilometer landeinwärts weit total verwüstet und alles was sich dieser Wasserwand - gleich ob 1 Meter oder bis zu 3 Metern hoch - vernichtet. Bäume, Häuser, Menschen - auch in Autos, Bussen oder Zug - hatten keine Chance. Es muss über sie gekommen sein wie der Weltuntergang oder eine andere globale Strafe Gottes. Die Frage nach dem Warum wird hier eifrig diskutiert. Dort, wo
die Wellen auf höher und steiler gelegenes Land trafen, haben sie
teilweise erstaunlich wenig beschädigt. Viele Fischer
und Hoteliers wollen oder/und können die Küste nicht verlassen. Tangalle
04.02.2005 Auf der Küstenstraße zurück von Colombo nach Tangalle (ca. 200 km): 6 Wochen nach der - zumindest hier in Sri Lanka - seit Menschengedenken größten Katastrophe erholt sich der Süden nur langsam. Vieles ist auf- und weggeräumt, die Straßen, Wege und Brücken wieder befahrbar. Von der Hauptküstenstraße aus gesehen sieht es fast „ordentlich gerichtet“ aus: Freier Blick wohin das Auge schweift. Schutt und Müll entsorgt. Hin und wieder „stören“ einzelne „überlebte“ Häuser oder deren Ruinen, Einzelzelte oder Zeltcamps (meist direkt daneben aufgeschlagen) den Durchblick auf das freie Meer oder auf die wieder hergestellten Bahngleise- und dämme.
Wir hier aus Goyambokka und Tangalle ( Resortmitarbeiter, Fahrer mit ihren Helfern und ca. ein Dutzend lokale Koordinatoren (darunter Lehrer, Beamte, Fischer etc.) verteilen immer noch Trockennahrung, Bettzeug, Moskitonetze, Medikamente, Koch- und Schulutensilien, Damen- und sonstige Hygieneartikel, Babynahrung und entsprechendes Zubehör, Spielzeug, oder ähnliches Tag für Tag in Tangalle und Umgebung. Es gibt halt noch viele Bedürftige, für die sich nach Direkthilfe noch nichts Entscheidendes verändert hat. Sie haben zwar ein Dach über ihren Kopf, zu trinken und zu essen, werden medizinisch betreut, sind aber weiterhin abhängig von Gebern (6! Wochen). Es gilt
nun diesen vielen Hunderten Menschen wieder in feste Häuser mit
adäquaten Koch- und Sanitäreinrichtungen unterzubringen, ihnen
Arbeit und Lohn für ein eigenes selbständiges „würdiges“
Auskommen zu beschaffen. Also nach Kurz(Direkt)-mittel sind jetzt die
länger bis langfristigen Lösungen angesagt. Die Fischer z.B. in unserer direkten und weiteren Nachbarschaft brauchen Boote (Katamarane und größere Fiberglas-Boote) mit kleinen bis mittleren Außenbordmotoren ( 8 - 25 PS ), Netze und ähnlichem Equipment. Wir - meine Familie und Freunde - haben ein Katamaranprojekt initiiert und 4 Katamarane auf „Kiel“ legen lassen. Weitere sind aber dringlich: Kosten
(04.02.2005) : 1 Außenbordmotor 8 PS ca. Euro 1.000 1 Fischernetzset ca. Euro 300 - 500 Materialien, Motoren Netze werden spürbar täglich teurer, da die Nachfrage steigt, der Bedarf also groß, die vorhandenen Kapazitäten klein und die Händler gierig sind. Zudem sind die Tauschkurse merklich schlechter geworden. Auch die Kosten für Baumaterialien steigen. Ein festes, solides Haus für eine Familie mit 60m² Grundfläche, 2 Schafräumen, 1 Wohnzimmer, Küche, Toilette kostete bis Ende Januar 2005 ca. $ 5.000. Das erste „Village“ entsteht bereits 15 km von uns entfernt bei Rauna - privat initiiert und finanziert! Hilfreich wären weiterhin Küchenutensilien, Möbel, push-Bikes (Fahrräder), Mopeds, Tuk-Tuks, Kleintraktoren (sog. Handtractors) - für Transporte -, Schulutensilien und Schulmöbel. (Der Wiederaufbau von 176 zerstörten Schulen ist inzwischen Regierungssache - zumindest verbal!) Häuser brauchen Infrastruktur wie Wege, Wasser, Elektrizität, Sanitäranlagen wie z.B. Septictanks. Boote brauchen „Werften“. Es gibt noch reichlich vieles zu tun, packens wir´s an! Herzlichst
für Sie aus Sri Lanka |